Das Geheimnis der mondbeschienenen Scheune
Es ist mitten in der Nacht auf Onkel Wilhelms Bauernhof.
Über den Feldern steht ein grosser, heller Mond. Sein Licht fällt auf die Wiesen, auf den Hühnerstall und auf die rote Scheune.
Alles ist ruhig.
Fast alles.
Berta liegt mit den anderen Kühen im Stroh und schläft tief und fest.
Da hört sie plötzlich ein Geräusch.
Rumpel.
Berta öffnet ein Auge.
Sie lauscht.
Vielleicht hat sie nur geträumt.
Dann kommt es wieder.
Rumpel … raschel … klack.
Jetzt sind auch die anderen Kühe wach.
Frieda hebt den Kopf.
„Muh?“
Berta steht langsam auf und schaut durch die offene Stalltür.
Das Geräusch kommt von der grossen Scheune auf der anderen Seite des Hofes.
Dort ist alles dunkel.
Nur der Mond beleuchtet das grosse Scheunentor.
Wieder ertönt ein leises:
Krrrrr … klack.
Frieda rückt näher zu Berta.
„Muuuh.“
Berta ist ebenfalls ein bisschen unheimlich zumute.
Aber sie ist neugierig.
Sehr neugierig.
„Muh!“, sagt sie entschlossen.
Sie will herausfinden, was dort los ist.
Berta geht hinaus auf den Hof.
Frieda folgt ihr vorsichtig.
Als sie am Hühnerstall vorbeikommen, steckt Henrietta ihren Kopf aus der kleinen Tür.
„Gack?“
„Muh“, antwortet Berta.
Henrietta versteht sofort.
Auch sie hat das seltsame Geräusch gehört.
Nun sind sie schon zu dritt.
Am Zaun der Schafweide steht Wolke.
Sie kann natürlich ebenfalls nicht mehr schlafen.
„Määäh?“
Berta schaut zur Scheune.
Wolke schaut zur Scheune.
Dann schliesst sie sich den anderen an.
Die kleine Gruppe geht langsam über den Hof.
Berta vorneweg.
Frieda direkt hinter ihr.
Dann Wolke.
Und ganz hinten Henrietta, die bei jedem Geräusch kurz mit den Flügeln flattert.
Der Mond wirft lange Schatten über den Boden.
Plötzlich bewegt sich etwas neben dem Brunnen.
Henrietta erschrickt.
„GACK!“
Wolke springt zur Seite.
Frieda bleibt stehen.
Berta schaut ganz genau hin.
Da hebt Bruno seinen Kopf.
Der Hund hat neben dem Brunnen geschlafen.
„Wuff?“
Berta schnaubt erleichtert.
Es ist nur Bruno.
Nun steht auch Bruno auf und schliesst sich der nächtlichen Untersuchung an.
Gemeinsam gehen sie weiter.
Vor der Scheune bleiben alle stehen.
Das grosse Tor ist geschlossen.
Drinnen ist es still.
Berta macht einen Schritt näher.
Raschel.
Alle bleiben stehen.
Bruno stellt die Ohren auf.
Klick … klack … rumpel.
Henrietta versteckt sich hinter Wolke.
Berta spürt, wie ihr Herz schneller schlägt.
Was kann das sein?
Vielleicht ist jemand in der Scheune.
Vielleicht ein fremdes Tier.
Oder vielleicht sogar ein Scheunengespenst.
Berta schüttelt sofort den Kopf.
Gespenster gibt es bestimmt nicht.
Oder?
Sie geht zum Tor und schiebt vorsichtig mit ihrer Nase dagegen.
Das Tor öffnet sich ein kleines Stück.
Quiiiiiietsch.
Mondlicht fällt durch den Spalt ins Innere.
Berta steckt den Kopf hinein.
Sie sieht Heuballen.
Einen alten Holzwagen.
Ein paar Eimer.
Und ganz hinten etwas, das sich bewegt.
Berta hält den Atem an.
Da ist es wieder.
Raschel, raschel.
Bruno schlüpft an Berta vorbei.
„Wuff!“
Etwas Kleines huscht hinter einem Heuballen entlang.
Henrietta flattert aufgeregt.
„Gack, gack!“
Berta geht weiter hinein.
Schritt für Schritt.
Dann entdeckt sie auf dem Boden einen umgekippten Eimer.
Daneben liegen ein paar Äpfel.
Einer davon rollt ganz langsam über den Boden.
Klack.
Jetzt wissen sie zumindest, woher ein Teil des Geräusches kommt.
Aber wer hat den Eimer umgeworfen?
Da raschelt das Heu wieder.
Berta geht näher.
Plötzlich schaut zwischen zwei Heuballen eine kleine Nase hervor.
Zwei lange Ohren folgen.
Dann zwei grosse Augen.
Berta bleibt überrascht stehen.
Ein kleines Kaninchen sitzt mitten im Heu.
Es sieht ziemlich erschrocken aus.
„Muh?“
Das Kaninchen hüpft einen Schritt zurück.
Doch dann ertönt hinter ihm ein ganz leises Geräusch.
„Fiep.“
Berta beugt ihren Kopf etwas tiefer.
Und da entdeckt sie das Geheimnis der Scheune.
Hinter dem Heuballen sitzen drei winzige Kaninchenjunge.
Sie kuscheln sich dicht aneinander.
Ihre Mutter ist offenbar in die Scheune gekommen, weil es hier warm und trocken ist.
Dabei hat sie den Eimer mit den Äpfeln umgestossen.
Wolke kommt näher.
„Määäh.“
Henrietta schaut vorsichtig hinter Bertas Bein hervor.
„Gack.“
Bruno wedelt mit dem Schwanz.
Niemand hat mehr Angst.
Berta betrachtet die kleine Kaninchenfamilie.
Dann schiebt sie mit ihrer Nase vorsichtig etwas Heu in ihre Richtung.
Die Kaninchenmutter schnuppert daran.
Berta dreht sich zu den anderen um.
Das Geheimnis ist gelöst.
Kein Gespenst.
Kein fremder Eindringling.
Nur eine kleine Familie, die einen sicheren Schlafplatz gesucht hat.
Am nächsten Morgen kommt Onkel Wilhelm in die Scheune.
Er bleibt überrascht stehen.
Berta, Frieda, Wolke, Henrietta und Bruno schlafen gemeinsam vor einem grossen Heuballen.
„Was macht ihr denn alle hier?“, fragt er.
Da entdeckt er die Kaninchen.
Onkel Wilhelm lächelt.
„Aha. Jetzt verstehe ich.“
Berta öffnet müde ein Auge.
„Muh.“
Onkel Wilhelm streicht ihr über den Kopf.
„Da habt ihr wohl ein kleines Nachtabenteuer erlebt.“
Berta schliesst ihr Auge wieder.
Durch das Scheunentor scheint bereits die Morgensonne.
Und tief im warmen Heu schlafen drei kleine Kaninchen friedlich weiter.
Seit dieser Nacht weiss Berta:
Nicht jedes geheimnisvolle Geräusch bedeutet Gefahr.
Manchmal wartet dahinter einfach jemand, der ein bisschen Wärme und Geborgenheit braucht.